Der Bau des Kajaks

Zunächst muss deutlich gemacht werden, dass der Bootsbau, wie wir ihn von einer üblichen Bootswerft kennen, nichts mit dem ursprünglichen Kajakbau zu tun hat. Die Methode des Kajakbaus ist in einer Zeit entwickelt worden, als man in Europa noch keinen Bootsbau in der Form der Fellboote kannte. Messwerkzeuge wie Maßstab, Wasserwaage, Straklatten oder ähnliches, gab es in Grönland nicht. Handwerkzeug im Sinne unserer Werkzeuge waren unbekannt. Während bei dem Sport- oder Seekajak heute als Kriterium überwiegend die Laufeigenschaften und das Verdrängungsvolumen betrachtet werden, hat der Kajak bei den Inuit die Anforderung als ein Jagdgerät, im gewissen Sinne eines Arbeitsplatzes. Es mussten auf dem Boot die verschiedensten Waffen und Hilfsmittel plaziert, sowie der Fang auf Deck oder im Schlepp transportiert werden.

Abbildg. Links: Kajakfahrer mit Ausrüstung und Fang. Man beachte den Schnee auf Deck und Fahrer. Ort: Arsuk Ivituut Foto Jette Bang 1936

Abbildg. Rechts: Kajak mit Ausrüstung, Gewehrtasche, Leinengestell, Fangblase, Paddel, usw. Foto:Morsild Petersen 1912 Aufnahme: Dansk Polar Center


Eines der größten Probleme des Kajakbaus war es, in dem mehr oder weniger baumlosen Grönland oder der Tundra, an dem kanadischen Küstengürtel, das kostbare Holz für einen Kajak zu beschaffen oder zu finden. In den meisten Fällen kam das Holz aus den Flüssen und Küsten Sibiriens, Nordkanadas und Alaska. Nach dem Hochwasser gelangten die Stämme mit den Fließrichtungen in die Polregionen und danach mit dem Polarstrom an die Nordküste Kanadas, dann entlang der Ostküste und zur Westküste Grönlands. Die verwendeten Holzsorten gestatten eine sichere Zuordnung der Herkunft. Wo gibt es sonst Pitch- oder Oregonpine, Föhren, massive Stämme wie Lerche oder Fichte. Mit den vorhandenen Hilfsmitteln aus Holz in Form von Keilen und mit Steinen, später mit einfachen Metallwerkzeugen, mussten die Stämme bearbeitet werden. In höchst langwierigen Prozessen wurden die Holzteile dann in die Dimensionen gebracht, wie sie für den Kajak erforderlich sind

Montage der Rippen und Verzurrung der Deckstäbe an einem Kajakgerüst

Bild aus: Eskimo - Geschichte Kultur, von D. Morrison, G.H. Germain Verlag Frederking & Thaler München 1996

Wenn das Kajakgerüst gespreizt ist, hat man zugleich Maß genommen. Es muss auf den Besitzer zugeschneidert sein. Die Länge des Bootes beträgt drei Manneslängen. Die Breite des Bootes entspricht der Hüfte des Besitzers plus 3-4 Fingern. Es soll so passen, dass der Fahrer sich nicht darin verdrehen kann, aber er muss sich mit den Füßen und Hüfte stützen und eine sichere Balance halten können. Spanten und Querrippen wurden ebenfalls aus Treibholz geformt oder im südlichen Teil von Grönland aus Wacholderzweigen, die es dort durchaus gibt.

Das abgebildete Gerüst ist nicht in Grönland entstanden, sondern wurde in Odense durch Lars Rønsager 1995 gebaut. Die Spanten sind aus Esche geformt

Gesamtansicht, Links Bugteil, Länge 5,3 m, Breite 58 cm, Gewicht 19 kg

Die Höhe der Spanten im Vorschiff werden durch den ausgestreckten Fuß, bzw. die Fußhöhe bestimmt. Sind diese Maße fixiert, werden die Querstringer im Deck und die Spanten von unten in die Seitenbretter eingefügt. Befestigt man die Bauteile heute teilweise mit Schrauben, waren es früher Dübel aus Holz, aus Knochen geschnitzte Stifte und Sehnen, die dieses Wunderwerk in Form hielten.

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Frauen reparieren ein Kajak, Bild aus dem Film "SOS Eisberg" 1929-30 Foto: Ferd Vogel

Die Bespannung des Kajak bestand aus dem Fell des Seehundes. So war die Größe der Felle abhängig von dem Vorkommen. Gewöhnlich nahm man das Fell des grönl. Seehundes, der erwachsen bis zu 2m Größe entwickeln kann. Früher wurden auch die Felle der Klappmütze und in Ausnahmefällen die Häute von Weisswalen verwendet. Die Aufbereitung der Felle war die Arbeit der Frauen. Nach dem Entfetten, dem Enthaaren mit dem Ulo, einem Schabegerät, werden die Felle mit verschiedenen Hilfsmitteln wie Asche, Tran, Blut und Urin „chemisch“ bearbeitet. Bevor sie dann über das Kajakgerüst gespannt wurden, lagern sie noch ein paar Wochen im Salzwasser. Danach waren sie so elastisch, dass sie um die doppelte Größe gespannt werden konnten. In neuerer Zeit verwendet man auch Leinentuch mit Ölfarben und entsprechender Bemalung. Es ist günstiger eine Seehundhaut beim Händler zu verkaufen, gegenüber der Anwendung als Kajakbespannung. Früher wurden die Häute über den KGH (königlich grönländischer Handel) verkauft.


Der Cockpitring, der Süllrand oder die Sitzluke war ein besonderes Problem, denn Holz in der Länge, dem Umfang entsprechend und der besonderen Qualität, war kaum zur Verfügung. So fertigte man den Ring aus mehreren Teilen und verstiftete diese zu einem kompletten Ring. Von innen wurde das Fell an dem Cockpitring verspannt. So war gewährleistet, dass ein hohes Maß an Dichtigkeit bei überkommendem Wasser gewährt wurde. Natürlich nur dann, wenn auch die entsprechende Kleidung: die Kajakjacke, (annoraajuvoq grönld.) unser Anorak, getragen wurde.

Kopie aus dem Buch: DEN GRØNLANDSKE KAJAK OG DENS REDSKABER von P. Scavenius Jensen Nyt Nordisk, Forlag Arnold Busk 1975

Cockpit eines westgrönländischen Kajaks. Abmessungen des Cockpits: Länge 37cm, Breite 34cm, Höhe Cockpit 0,20 m, Länge des Kajaks 5,44m, Breite 48cm,

Aufnahme: Deutsches Museum München, Dr. Oestmann.
Das Kajak wurde von dem Münchner Bildhauer Emil Eduard Hammer am 14.07.1907 erworben. Das Deutsche Museum München wurde 1903 gegründet. Leider lässt sich die Herkunft nicht exakt feststellen. Es bleibt anzunehmen, dass das Boot weit über 100 Jahre alt sein wird.

Ost Grönland Kajak
In den extrem flachen ostgrönländischen Kajak ist es nur möglich einzusteigen, hineinzukriechen, wenn man durch Training, bereits in den Kinder- oder Jugendjahren, die Kniegelenke überdehnt.
Der Kajak liegt im Nationalmuseum Kopenhagen, zur Verfügung gestellt von Dr. Therkel Mathiassen 1932.
Länge 5,683 m Breite 47,6 cm Höhe im Deck (Cockpit) 13,9 cm

Vermessen und gezeichnet von Harvey Golden 2002
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Harvey Golden aus seinem Buch : „Kayaks of Greenland“ Seite 402.
Foto: Wolfgang Half

Einsteigen, hineinkriechen in den Kajak per Paddelbrücke und starten. Ammassalikfjord, Quernertivartivit Ostgrönlandkajak, Länge 5,60m, Breite 53 cm, Gewicht mit nassen Lederbezug ca. 35 kg,

Bild W. Half 1976


Natürlich gab es Unterschiede in der Anwendung und Ausführung der Kajakbezüge. Dort wo die Fangsaison kurz war, wendete man eine schnelle Zubereitungsmethode an, mit weniger haltbaren Häuten. In den Bereichen, wo überwiegend offenes Wasser und man über die meiste Zeit des Jahres auf Fangfahrt war, wählte man auch eine höhere Qualität der Häute. Im Bereich von Nordgrönland und im Ammassalikgebiet, Ostgrönland, verwendete man dunkle Häute, um vor der Kulisse der dunklen Felswände nicht aufzufallen. Im südwestlichen Grönland wurden helle Häute verwendet, da man vor dem Großeis dann bei der Jagd eine gute Deckung hatte. Die Häute sollten des öfteren mit Speck eingerieben werden, um eine längere Haltbarkeit und Dichtigkeit zu gewährleisten. Aber auch eine gepflegte Kajakhaut wurde bei Nässe, wenn auch wasserdicht, aber schwer. Ein gefahrenes, nasses Kajak hatte leicht ein Gewicht von 28-35 kg.
Unterschiede gab es in der Anwendung der Boote. Sei es für den Walfang, für die Walrossjagd, für den kurzfristigen Einsatz oder über das ganze Jahr, sei es an der Ostküste mit viel Treibeis oder an der Westküste mit langen offenen Wasserperioden und hohen Eisbergen. So waren die Boote besonders diesen Kriterien zu geordnet. Lange flache Boote an der Ostküste, etwas höhere breitere an der Westküste, sehr schmale lange und schnelle zur Renjagd auf den Flüssen NW-Kanadas zur Caribou-Jagd .

Abbildg. aus: Die Ausrüstung zur Seejagd der westlichen Eskimo, untersucht in ihrem kulturellen Kontext von J. L. Rousselot Verlg. Klaus Renner

Während die Baumethode oder Konstruktion weitgehend gleich war, gab es Unterschiede in den Bootsformen und der Decksausrüstung. So sind nach J.L. Rousselot 28 verschiedene Kajaktypen aufgelistet. Davon sind lediglich drei aus dem grönländischen Bereich. Alle anderen sind Boote aus NW-Kanada und Alaska. Während die grönländischen Kajaks zur Jagd auf dem Meer und von der Eiskante verwendet wurden, hatte man in Alaska an den Flüssen oder Küsten in NW-Kanada andere "häusliche“ Bedingungen. Ähnlich sind in der Literatur von Edwin Tappan und Howard Chapelle in „The Bark Canoes and Skin Boats of North Amerika" 4 grönländische Kajaks aufgeführt. Alle anderen sind stark variierende Kajaks aus NW-Kanada und Alaska.

Das besondere an dem grönländischen Kajak gegenüber z. B. dem NW-Kanada-Kajak oder dem aleutischen Baidarka ist das kleine Cockpit und die überwiegend geringe Breite zwischen 47 – 55cm. Das erfordert besondere Fahrpraxis und beginnt mit dem Einstieg. Man setzt sich nicht in einen Kajak, man schlüpft hinein, vergleichsweise mit dem anziehen einer großen Hose. Da nicht überall ein flacher Sandstrand zur Verfügung steht, muss man eine Brücke mit dem Paddel herstellen. Entweder stützt man zum Land oder mit dem Blatt auf der Wasserfläche. Diese Technik, die annähernd nur mit dem ursprünglichen unverdrehten Eskimopaddel möglich, ist besonders bei einem Einstieg von einer hohen Eiskante, die einzige Möglichkeit in das Boot zu gelangen.

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Sitzt man im Boot, muss man es spüren. Fahrer und Boot sollen eine Einheit, ein Teil sein. Der Kajakfahrer muss die Bewegungen seines Bootes erspüren, vorausahnen, reagieren und regieren. Mit einem Hüftdruck und einem leichten Ankanten kann man den Kurs bestimmen oder korrigieren soweit Fahrt im Boot ist. Der Kajak hat keine Steuerung. Erst um 1850 erkannte man den Vorteil der Flosse unter dem Boot. Mit jedem Paddelschlag spürt man den Druck auf dem Blatt und das Vorschnellen des Bootes. Ein fast berauschendes Gefühl, wenn das Boot durch die Welle bricht, wenn von der Seite der Wellenkamm sich nähert, über Deck und Fahrer spült, und der Kajak und Fahrer gleiten weiter aufrecht zur nächsten Welle. Irritierend ist es auf See, wenn das Wasser glatt, das Spiegelbild der Küste ohne Unterbrechung in die Tiefe zeigt. Wo ist der Horizont? Es kam vor, dass durch die „Kajakangst“ der Fahrer kenterte und ertrank. Gleiche Situationen gab es bei Seenebel. Ein Kompass war nicht bekannt.

Das Tempo des Kajaks sind ca. 6-7 km/h durch das Wasser. Über Grund kommt nochmals die Geschwindigkeit des Gezeitenstrom hinzu. Tagesleistungen bis zu 80 km waren möglich. Die Kajakfahrer des KGH (Königlich Grönländischer Handel), die von Wohnplatz zu Wohnplatz, fuhren, um z.B. Post zu verteilen, bekamen pro km 5 Öre. Da war Strecke gefordert.