Gefahren im Kajak

Dass der Fang oder die Fangtechnik keine einfache Beschäftigung war, lässt sich daran besonders feststellen, wenn man bedenkt, dass die Bedingungen zum Fang oftmals nicht „gut“ waren. Bei einer Wassertemperatur wenige Grade über dem oder um den 0° Pkt war es unangenehm, wenn der Fänger mit dem Element Wasser in Kontakt geriet. Tödlich war eine Kenterung, wenn die Eskimorolle nicht sicher beherrscht wurde. Sturm und Regen überraschten den Jäger auf See oder hinderten ihn überhaupt um zu starten. Über einen großen Zeitraum war die See mit Eis bedeckt. Wurde die Jagd zur Versorgung erforderlich, musste der Kajak per Schlitten über teils unwegsame Eisflächen transportiert werden, bevor man zu einer Wasserkante gelangte, von wo eventuell ein Fang möglich war. Dann gab es Wildtiere wie den Eisbären oder das Walroß, die keineswegs mit friedlichen Absichten dem Kajakfahrer gegenüber

traten. So konnten auch Klappmützen, Walrosse, sowie große Robben dem Fänger das Leben schwer machen oder auch beenden. In den Kirchenbüchern der Gemeinden sind zahlreiche Todesfälle aufgezeichnet, wo Jäger durch wütende oder verletzte Walrosse zu Tode gekommen sind. So gab es auch psychische Einflussgrößen wie die "Kajakangst" die dem Jäger das Leben mit Kajak durchaus erschwerten.
Das Durchschnittsalter der Fänger lag in der Zeit 1910-30 bei 23,6 Jahren. (heute 66,4 Jahre). Es wird betont, dass sich besonders in Südgrönland ein geringeres Durchschnittsalter ergab, verursacht, durch den länger möglichen Kajakfang bei offenem Wasser. In Nordgrönland war die Eisdecke länger geschlossen.
Grønlændernes Historie - fra urtiden til 1925 opartussat/Atuakkiorfik, Nuuk 1991 wissenschaftl Mitarbeit
H. C. Petersen


Wetter

Kajakmann , einem gekenterten Kameraden zu Hilfe eilend.

Kopie aus Eskimoleben von Fridtjof Nansen Ausg. 1920
geschrieben in Godthaab, Lysaker, November 1891

Schlechtes Wetter

Kopie aus Eskimoleben von Fridtjof Nansen Ausg. 1920
geschrieben in Godthaab, Lysaker, November 1891


Wildtiere

Es gibt es von den Vorfällen mit Wildtieren keine photografischen Dokumente. Jedoch haben Inuitkünstler wie Kaarali Andresasen aus Tasiilaq (Angmassalik) diese Szenen
in beeindruckender Weise aufgezeichnet und der Nachwelt erhalten.

Der Fänger hat seine Harpune verloren. Der Eisbär drückt nun sein Kajak unter Wasser. Eine Szene, die sicherlich mit der realen Situation identisch ist.

Gezeichnet 1933 auf Schreibpapier mit dem Wasserzeichen "Holland"

Erworben von dem Wissenschaftler und Nobelpreisträger Nico Tinbergen, aus dem Museum Haag.

Veröffentlicht in "Grønlands Kunst in Skulptur, Brugkunst, Maleri. v. Bodil Kaalund 1990 2. Ausgabe

Die Jagd auf ein Walross erfordert größte Vorsicht und Geschickichkeit. Mündliche und schriftliche Überlieferungen aus Kirchenbüchern berichten von schicksalhaften Begegnungen .
Ein ausgewachsenes Walross hat eine Länge von 3,5 Metern und ein Gewicht von 1Tonne.

Das Walross wirft sich mit Wucht über das Kajak. Im Normalfall ist das Schicksal des Kajakfahrers entschieden.

Bild aus: Grønlandske fangere fortæller, Nordiske Bogvorlag 1971


Kajakangst

Ein Problem, dass bei den Robbenfängern auftrat, wenn sie annähernd allein, bei glattem Wasser und unsichtigem Wetter längere Zeit auf der Stelle lagen und auf Beute warteten. Eine kleine falsche Bewegung, ein Geräusch und es kommt zur Kenterung. Der Rest folgt dann schnell, sofern man sich nicht selber helfen kann oder Hilfe durch Kameraden zur Stelle ist.

Die Erklärung der Kajakangst besteht darin, dass das Gehirn im wachen Zustand, normalerweise meist unbewusst, fortlaufend Informationen über die Umwelt erhält und diese ständig auf mögliche Gefahrenquellen hin überprüft. (Dieser Vorgang lässt sich nicht bewusst unterdrücken.) Bleiben Sinnesreize jedoch über einige Zeit hin aus (oder fast aus), so kommt es zum Einen zu einer gewissen Überempfindlichkeit der Sinnesorgane und der verarbeitenden Zentren im Gehirn, zum Anderen entsteht fast folgerichtig das Gefühl der fehlenden Orientierung, sei es die geographische Orientierung oder die in der Schwerkraft usw. Wenn man dann weiß, dass das Gehirn eingehende Reize ständig mit Bekanntem vergleicht, manchmal auch Unbekanntes so ergänzt, dass Bekanntes daraus wird

(wie viel muss man z: B. sehen, um zu erkennen, daß etwas ein Boot ist oder ein Vogel), kann man sich erklären wie z. B. aus einem leisen Gluckern das Gefühl oder sogar die Gewissheit entstehen kann, das Boot würde sinken oder aus einem leichten Schaukeln das Gefühl des Kenterns. So kann früher oder später Angst oder sogar Panik entstehen. Man sollte also, um so etwas zu verhindern, den Sinnesorganen absichtlich in einer Situation, die geeignet wäre, Kajakangst entstehen zu lassen, genug "Material" liefern, damit sie diese Aufgabe des fortlaufenden "check up" erfüllen können, also Sinnesreize liefern oder selber produzieren, z. B. singen, sich im stillen Boot bewegen etc.

Ein uraltes Thema, das durch den Rückgang der Kajakanwendung in den Hintergrund getreten ist. Warum man im englischen und dänischen Sprachgebrauch von Kayakangst spricht, ließ sich nicht klären.
Karin Kosch.
Quellen: Institut für Migrationsforschung und interkulturelle Studien der Universität Osnabrück, Heft 4, 1996
Zutt, Nervenarzt, 24/1953
Gussow, , International Journal of arctic and Nordic studies, 11/1970


Rolltechniken

Eine notwendige Technik zum Überleben, war die heute bekannte Eskimorolle. So konnte nach einer Kenterung, durch aufdrehen des Kajaks wieder in die horizontale Lage, das Leben gerettet werden. David Cranz beschreibt in der Historica Grönlandia, veröffentlicht am 21. Aug. 1765, 1. Ausgabe 9 verschiedene Rolltechniken.

Rolltechnik 1: Der Grönländer legt sich bald mit der einen, bald auf der anderen Seite mit dem Leibe aufs Wasser, hält eine Weile mit dem Pautik oder Ruder die Balance, damit er nicht ganz umschlage und richtet sich sodann wieder auf.
(Pautik ist das Paddel)

Die Grönländer kannten keine Schwimmweste, wobei der Anorak weitgehend wasserdicht ist, viel Luft enthält und einen deutlichen Auftrieb sichert

Zeichnung W. Half

Bild: Nationalmuseum Nuuk. Aufn. John Möller,
Aufgenommen in den Jahren 1889-1935

2. Wenn er ganz umschlägt, so dass er mit dem Kopf perpendeculär herunterhängt, tut er unter Wasser einen Schwung mit dem Pautik und kann so auf der einer Seite so gut als auf der anderen wieder in die Höhe kommen.

Zeichnung W. Half

Dieses sind die gemeinsten Arten zu kantern (kentern), die bei Sturm oder großen Wellen oft vorkommen, da der Grönländer noch immer den Vorteil hat, dass er das Pautik in den Händen hat und nicht mit den Seehund Riemen verwickelt ist.

Rolltechnik 3....Das Pautik quer unter einem Riemen am Kajak kantern um und stehen vermittelst der Bewegung des einen Endes des Pautik wieder auf.

Rolltechnik 4 .......Sie fassen das eine Ende mit dem Mund das andere bewegen sie mit der Hand und richten sich als wieder auf.

Rolltechnik 5 Sie halten das Pautik mit beiden Händen im Nacken oder......

Das Bild vermittelt wahrscheinlich eine Rolle per Hand.

Bild: Nationalmuseum Nuuk. Aufn. John Möller.
Aufgenommen in den Jahren 1889-1935

Bild: Nationalmuseum Nuuk. Aufn. John Möller.
Aufgenommen in den Jahren 1889-1935

6. .....hinter dem Rücken fest, kantern, schwingen es hinterwärts mit beiden Händen, ohne es hervor zu nehmen und kommen also herauf.

7. ....Sie legen es über eine Achsel, fassen es mit einer Hand hinter und mit der anderen vor sich und helfen sich so wieder auf.

Zeichnung W. Half

Diese Übungen dienen auf die Fälle, da das Pautik mit den Riemen verwickelt ist.

Zeichnung W. Half

Rolltechnik 8 : Beim Exercieren schieben sie das Pautik unter dem Kajak durchs Wasser, haltens auf beiden Seiten fest, so dass sie mit dem Gesicht auf dem Kajak liegen, schlagen um , bewegen das Ruder von unten über dem Wasser und stehen also auf. Dieses dient dazu, wenn sie das Ruder während dem Umschlagen verlieren, aber noch über sich schwimmen sehen, es von unten auf mit beiden Händen ergreifen

9. Sie lassen das Ruder fahren und wenn sie gekantert sind, suchen sie es mit der Hand über dem Wasser, ziehen es zu sich und helfen so auf

10. Wenn sie es aber nicht mehr ergreifen können, nehmen sie das Wurfbrett vom Harpunenpfeil oder ein Messer und suchen durch die Bewegung desselben, ja auch wohl nur mit dem Platschern der blossen Hände in die Höhe zu schwingen, wiewohl dieses nur sehr wenigen gelingt

Wenn sie kantern, und sich nicht mehr helfen können, so pflegen sie auch wohl aus dem Kajak heraus zu kriechen um jemanden in der Nähe durch Schreien zur Hilfe zu rufen und können sie niemanden erschreien, so halten sie sich am Kajak oder binden sich daran fest, da mit man ihren Leib wiederfinden und begraben möge.

Verfasser unbekannt

Eine weitere Rettungstechnik muss erwähnt werden. Bei dem Verlust des Paddels gab es die Möglichkeit, dass sich der Gekenterte mit Hilfe der Fangblase, die er von dem hinteren Deck riss, zunächst über Wasser hielt und daran aufrichtete. Die sogenannte Putarit-Rolle.


Zeichnung W. Half

Die etwas seltsame Wiedergabe der Rolltechniken entspricht den Texten aus dem Buch von 1765.

Ein Kajakmann lässt sich von einer Sturzsee überrollen.

Auf Schneeschuhen durch Grönland, von Fridtjof Nansen nach einer Skizze. Ausgabe 1891 Band 2

Rollenvorführung anläßlich des Besuchs König Christian am 10.7.1921

Foto: Jensen Eskild; Aufnahme Polar Center

Rollentraining, 1915, Ort Qaportoq.

Aufnahme Arnold August Rasmussen Bild DPC

Eskimotierübungen, 1995, Nuuk.

Aufnahme Daimi Frederiksen.

John Möller war der "grönländische Fotograf". Nach einer kurzen Lehrzeit von 1887-1889 in Dänemark, wechselte er nach Grönland und startete "Goodthaabs photographische Anstalt" im Jahre 1898. Er begann in Grönland mit der Visitenkartenphotografie. Im Laufe seiner Schaffenszeit stellte er jedoch ein umfangreiches Bilderarchiv des täglichen Lebens in Grönland zusammen. Er starb 1935.

Zur Zeit wird eine amerikanisch grönlandische Internet-Fotoausstellung vorbereitet. Träger dieser Arbeit ist das Peary Macmillian Artic Museum in Main. Die Präsentation soll ein Stück der grönländischen Historie präsentieren. Soweit die Ausstellung im Internet zur Verfügung steht, werden wir es bekannt geben.

John Möller, Selbstporträt.
Das Bild entstammt aus "Grønlandsbilleder Assilissat kallaalit nunaanit 1869-1920", Christian Ejlers, Forlag København 1976